Kunst

DIE FRAU AUF DEM GELBEN MOTORRAD

Die verführerisch und trügerisch leichten Bilder von Alice Tippit in der Galerie Kimmerich

Alice Tippit: Shallow, 2016, Oil on canvas, 55,9 x 71,1 cm. Courtesy Kimmerich Galerie, Berlin
Alice Tippit: Shallow, 2016, Oil on canvas, 55,9 x 71,1 cm. Courtesy Kimmerich Galerie, Berlin

Bereits der Titel von Alice Tippits erster Einzelausstellung in Deutschland erzeugt ein Bild vor unseren Augen. Wer nicht weiß, dass neun Orte in den Vereinigten Staaten Crystal Lake heißen, assoziiert mit dem Satz Woman on Yellow Motorcycle in Crystal Lake als erstes das Bild einer auf einem gelben Motorrad sitzenden Frau auf dem Grund eines kristallklaren Sees.

Dieses absurd-surreale Bild einer modernen Amazone unter Wasser existiert jedoch nur als Spracheffekt in unserer Vorstellung und ist somit auch nicht in der Kimmerich Galerie zu sehen. Stattdessen werden dort zwölf mittelformatige Ölmalereien gezeigt, die aus der Ferne eher wie Farbsiebdrucke erscheinen. Aus der Nähe ist jedoch zu erkennen, dass die Arbeiten nicht maschinell hergestellt wurden. Die Farbe ist ungleichmäßig aufgetragen, so dass Leinwand oder untere Farbschicht oftmals durchscheinen.

VOM WEIBLICHEN KÖRPER ÜBER DIE VASE ZUR ABSTRAKTION

Auf fast allen Bildern der Ausstellung finden sich Formen und Gestalten, die entweder Fragmente des weiblichen Köpers darstellen, an ihn erinnern oder mit ihm gedanklich verknüpft werden können. Werden sie etwas länger betrachtet, ist nicht nur der individuelle Pinselstrich zu erkennen, sondern auch, dass sich die einzelnen Farbfelder des Bildes in einer Wechselbeziehung zueinander befinden und in diesem Verhältnis sich die durch sie dargestellten Formen aufzulösen scheinen. Dies geschieht besonders dann, wenn man einen weiteren Gegenstand entdeckt, der, sobald einmal erblickt, nicht mehr wegzudenken ist. So ist es in Era fast unmöglich, nur noch die weibliche Silhouette zu sehen, nachdem die gelbe Vase am rechten Bildrand aufgefallen ist. Die Formen beginnen sich nun trotz klarer Umrisse in der Betrachtung gegenseitig aufzuheben. Nach und nach tritt statt ihrer das aus ihrer Anordnung sich ergebende Farbmuster in den Vordergrund, um schließlich die figurative Malerei auch zu einer abstrakten werden zu lassen.

 

Alice Tippit: Era, 2016, Oil on canvas, 48,3 x 40,6 cm. Courtesy Kimmerich Galerie, Berlin
Alice Tippit: Era, 2016, Oil on canvas, 48,3 x 40,6 cm. Courtesy Kimmerich Galerie, Berlin
Abb.3: Alice Tippit: Still, 2016, Oil on canvas, 33 x 25,4 cm. Courtesy Kimmerich Galerie, Berlin
Alice Tippit: Still, 2016, Oil on canvas, 33 x 25,4 cm. Courtesy Kimmerich Galerie, Berlin

FARBE, FORM, MOTIV UND UNBEHAGEN

So verbinden sich in Tippits Bildern die scharfen Konturen und das Schablonenhafte der Hard-Edge-Malerei mit dem individuellen Farbauftrag des abstrakten Expressionismus. Beide konträren abstrakten Malstile überwindet die Künstlerin zugleich durch das Figürliche. Die dargestellten Motive sind dabei wie allgemein anerkannte Symbole fast immer sofort dechiffrierbar.

So zum Beispiel in Still, wo die populär-humoristische Assoziation eines Apfels mit einem Po dargestellt wird. Auch hier wird das Verhältnis von Farbe, Form und Fläche zueinander thematisiert. Durch den unruhigen Farbauftrag entsteht in der Bildmitte sogar eine Art Sogwirkung. Das Motiv verliert jedoch durch die Hautfarbe und die andeutungsweise in Beine mündenden Enden des Apfels sowohl seine lustige als auch erotische Komponente. Stattdessen wird der jugendfreie und schlüpfrige Appetizer zu etwas befremdlich Hybridem, das ein leichtes Schaudern aufkommen lässt...

Mit René Magrittes berühmter Apfel-Darstellung von 1964, die der Surrealist mit Ceci n'est pas une pomme betitelt hat, möchte man auch hier sagen, dies ist kein Apfel, ein Hintern ist es aber auch nicht...

IM DELTA DER SPHINX

Während man so von Bild zu Bild über Form, Farbe, Fläche, Figur, Abstraktion, Oberfläche und Tiefe sowie klassische Kunst, Modewerbung, Surrealismus, Pop-Art und vielleicht auch Oscar Wildes Aphorismus Alle Kunst ist zugleich Oberfläche und Symbol nachdenkt, wird die sprachbildlich versprochene Frau mit gelbem Motorrad auf dem Grund eines Sees vergessen. Nicht nur, dass sie auf keinem der Bilder zu sehen ist, kann sie auch mit keinem von ihnen in Verbindung gebracht werden.

So erweisen sich Tippits verheißungsvoller Ausstellungstitel und ihre trügerisch leicht lesbaren Bilder als Lockmittel, um über formale Themen der Malerei und die Verführungskraft von Sprache und Bildern nachzudenken. Dabei entpuppt sich die gesamte Ausstellung als ein Rätsel, dessen letztendliche Unlösbarkeit jedoch nicht verärgert, sondern bei aller vordergründigen Oberflächlichkeit durch Schönheit, Intellekt, Leichtigkeit und Biss sowohl unterhält als auch erfreut.


Text: Alessandro Rotondo

Alice Tippit: Summon, 2016, Oil on canvas, 33 x 40,6 cm. Courtesy Kimmerich Galerie, Berlinwolle, synthetische Faser, 165 x 84 cm. Courtesy Sepia Institut für Textile Künste
Alice Tippit: Summon, 2016, Oil on canvas, 33 x 40,6 cm. Courtesy Kimmerich Galerie, Berlin

ALICE TIPPIT
WOMAN ON YELLOW MOTORCYCLE IN CRYSTAL LAKE

Kimmerich Galerie, Berlin
Weydingerstraße 6, 10178 Berlin
Bis zum 11. März 2017
Dienstag bis Samstag 11 – 18 Uhr


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