Kunst

MENSCH UND NATUR IN DER AKTUELLEN PRÄSENTATION DER JULIA STOSCHEK COLLECTION BERLIN

Anicka Yi: The Flavor Genome, 2016. Einkanal-3-D-Videoinstallation, 22’, Farbe, Ton. Videostilll, Courtesy of the artist, 47 Canal, New York and Julia Stoschek Collection Düsseldorf
Anicka Yi: The Flavor Genome, 2016. Einkanal-3-D-Videoinstallation, 22’, Farbe, Ton. Videostilll, Courtesy of the artist, 47 Canal, New York and Julia Stoschek Collection Düsseldorf

Das Verhältnis von Natur und Kultur beschäftigt die Menschheit wohl seitdem sie die Höhle verlassen hat. Alexander von Humboldt war im 19. Jahrhundert einer der ersten, der die Natur als eine Einheit in der Vielheit auffasste und damit den Menschen statt als ein durch Kultur von ihr getrenntes, als ein mit ihr für immer verbundenes Lebewesen betrachtete. Die aktuelle Präsentation der Julia Stoschek Collection Berlin zitiert mit ihrem Ausstellungstitel Jaguars and electric eels (Jaguare und Zitteraale) eine Schrift des Naturforschers und versammelt darunter 39 Arbeiten der Gegenwartskunst, die auf unterschiedliche Weise das Verhältnis von Mensch, Natur und Kultur thematisieren.

VON DER KULTUR ZUR NATUR UND WIEDER ZURÜCK

Am Anfang von Doug Aitkens Kurzfilm Blow Debris ist das Gesicht einer Frau zu sehen, die auf einer Sonnenbank liegt. Vom blauen UV-Licht und der künstlichen Wärme geht das Bild nahtlos über in einen brennenden roten Stoff. Dieser erweist sich als eines der Zelte, aus denen in einer Wüste nackte Frauen und Männer schlüpfen. Sobald sie im Freien sind, wandern die nackten Menschen sinn- und ziellos umher, während Relikte und Ruinen einer zerstörten Zivilisation ihre Wege säumen. Irgendwann steigt einer von ihnen in ein Auto, fährt in eine Stadt und damit auch zurück in die Vergangenheit, zu dem Tag, an dem ein großer Sturm alles zerstörte und zu Staub und Asche werden ließ...

So erzählen die eher lose zusammengefügten Filmsequenzen von Blow Debris weitgehend rückwärts und in Endlosschleife vom Sein des Menschen nach einer großen Katastrophe.

Doug Aitken: Blow Debris, 2000. Video, 20’27”, Farbe, Ton. Detail aus einer Installationsansicht von Simon Vogel. Courtesy of Julia Stoschek Collection Düsseldorf
Doug Aitken: Blow Debris, 2000. Video, 20’27”, Farbe, Ton. Detail aus einer Installationsansicht von Simon Vogel. Courtesy of Julia Stoschek Collection Düsseldorf

Die postapokalyptischen Adam-und-Eva-Idyllen verbildlichen dabei die ewige Sehnsucht des Menschen nach seiner vermeintlich anfänglichen Einheit mit der Natur. Die 70er Jahre Ästhetik, die Wüstenlandschaft und Details wie die rote Überblendung oder explodierende Bücherregale zitieren hingegen Michelangelo Antonionis filmisches Meisterwerk Zabriskie Point und verweisen damit auf die Einsicht, dass der Zurück-Zur-Natur-Sehnsucht ein destruktives Verlangen innewohnt. Sie will alle zivilisatorischen Errungenschaften vernichtet sehen, um in Einheit mit der Natur zu leben. Wie Aitkens bestechende Videoarbeit aber auch zeigt, hält der Mensch dieses Eins mit der Natur sein nicht lange aus, begibt sich zurück in die Zivilisation und lässt alles wieder von vorne beginnen...

Bill Viola: The Reflecting Pool, 1977-79. Video, 7’26”, Farbe, Ton. Teil eins von fünf aus The Reflecting Pool – Collected Work, 1977–80. Detail aus einer Installationsansicht von Simon Vogel. Courtesy of Julia Stoschek Collection Düsseldorf
Bill Viola: The Reflecting Pool, 1977-79. Video, 7’26”, Farbe, Ton. Teil eins von fünf aus The Reflecting Pool – Collected Work, 1977–80. Detail aus einer Installationsansicht von Simon Vogel. Courtesy of Julia Stoschek Collection Düsseldorf

EWIG IST DIE NATUR, VERGÄNGLICH DER MENSCH

In The Reflecting Pool dagegen lässt uns Bill Viola zu Zeugen eines wunderbaren Ereignisses werden.
Frontal und statisch blickt die Kamera über einen veralgten Pool in das satte Grün eines Waldabschnitts. Aus dem Dickicht kommt ein Mann, der sich an den Rand des Beckens stellt, kurz innehält und plötzlich springt. Anstatt aber wie erwartet ins Wasser zu fallen, bleibt er in der Luft stecken. Während der Wind die Blätter zum Rascheln bringt und Tropfen das Wasser im Pool kräuseln – die Zeit also vergeht – wird der in der Luft kauernde Mann allmählich eins mit der Natur. Mit seinem Verschwinden tauchen als Spiegelungen im Wasser die verschwommenen Gestalten eines Mannes und einer Frau auf. Sie laufen um das Becken und verschwinden im Nu genauso spurlos wie der Mann. Kurz darauf meint man eine weitere vage menschliche Gestalt zu erkennen, die wenige Augenblicke später dem zu Beginn bekleideten und nun nackten Mann weicht, der plötzlich dem Wasser entsteigt und in den Wald zurückkehrt.

Bereits mit seiner ersten Videoarbeit hat Viola ein genauso enigmatisches wie faszinierendes, tiefsinniges wie vieldeutiges und dabei endlos interpretierbares Sinnbild der menschlichen Existenz in ihrem Verhältnis zur Natur geschaffen. So kann der Sprung ins Wasser als menschliches Verlangen gedeutet werden, in die Natur einzudringen. Das In-der-Luft-hängen-bleiben als sein Wille, sich über naturgegebene Gesetze hinwegzusetzen und sich von der Natur zu emanzipieren. Doch erweist sich all sein Tun als vergeblich, denn wie die Bilder der Arbeit zeigen, wird der Mensch bald vergehen und zur Natur zurückkehren. Wie den kaum noch von ihr zu unterscheidenden Pool wird sie sich auch ihn einverleiben. So erscheint der Mensch als lediglich vorübergehender, kaum sichtbarer Schatten im Spiegel der Natur.

HUND UND MENSCH

Während in Aitkens, Violas und den restlichen 36 Arbeiten der Ausstellung der Mensch im Zentrum der Betrachtungen steht, spielt er in STUTERVANTS Finite / Infinite keine Rolle mehr. Er ist weder zu sehen, noch zu hören.

Statt auf den Menschen oder die Pflanzenwelt hat die große Appropriation-Künstlerin den Fokus ihrer Kamera auf ein Tier gerichtet. In Endlosschleife lässt sie unseren Blick einem über eine Wiese rennenden Hund folgen. Die Projektion erstreckt sich über die gesamte Wand, so dass der Vierbeiner sich nicht wie gewohnt zu unseren Füßen, sondern über uns befindet. So kehrt STURTEVANT einfach aber radikal das Verhältnis zwischen Mensch und Tier – Herr und Knecht – um.

STURTEVANT: Finite / Infinite, 2010. Vierkanal-Videoinstallation, 3’35’’, Farbe, Ton, Dimensionen variabel. Detail aus einer Installationsansicht von Simon Vogel. Courtesy of the Estate of STURTEVANT and Julia Stoschek Collection, Düsseldorf
STURTEVANT: Finite / Infinite, 2010. Vierkanal-Videoinstallation, 3’35’’, Farbe, Ton, Dimensionen variabel. Detail aus einer Installationsansicht von Simon Vogel. Courtesy of the Estate of STURTEVANT and Julia Stoschek Collection, Düsseldorf

Die Tatsache, dass der Hund mit nichts anderem beschäftigt ist als mit Rennen, legt die Erkenntnis nahe, dass der Rest der Welt keinerlei Interesse an uns hat. Es ist lediglich der Mensch, der überall vor- ein- und durchdringen will und dabei meist alles zerstört. Um daraufhin eine auf immer verlorene, (wieder) bevorstehende oder gar schon entdeckte Einheit mit der Natur zu imaginieren...


Text: Alessandro Rotondo

JAGUARS AND ELECTRIC EELS
JULIA STOSCHEK COLLECTION BERLIN

Leipziger Straße 60, 10117 Berlin
Bis zum 26. November 2017
Donnerstag bis Sonntag, 14 – 20 Uhr


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