Kunst

IN FURS. – Im Pelz

Alles andere als Haar- und Pelzmoden. Ein Ausstellungsprojekt des Künstlerhaus Bethanien

Lucas Foletto Celinski: Dressage de l‘amour, 2013, Leinen, Leder, Stahl, Baumwollkordel und Pferdehaar, 155 x 8 x 8 cm, Courtesy of the artist.

Haare sind eines der wesentlichen Kennzeichen von Säugetieren und Menschen. Neben der rein physiologischen Funktion, empfindliche Körperstellen zu schützen und zu wärmen, waren und sind Haare auch ein individuelles, soziales und geschlechtliches Unterscheidungsmerkmal. Ihnen werden unterschiedliche kulturelle wie individuelle Bedeutungen zugeschrieben, die ebenso viele verschiedene Affekte und Reaktionen hervorrufen.

Kreisen ums Fell

Das Künstlerhaus Bethanien in Kreuzberg widmet dem Haar nun eine vielversprechende Kabinettausstellung außerhalb der eigenen vier Wände. Unweit der neuen Ausstellungsräume in der Kottbusser Straße, in einem ehemaligen Werkstattraum in der Graefestraße, werden ab Freitag, 4. Juli 2014, Malereien, Grafiken, Plastiken, Objekte und Fotografien von elf Künstlerinnen und Künstlern gezeigt, die um die mannigfaltigen Assoziationen, Konnotationen und Implikationen der Keratin-Hornfäden in Form von Haar, Pelz und Fell kreisen.

Dirk Bell: hAIR, 2014, Screenshot, Courtesy of the artist.

Der Titel der Ausstellung „In Furs.“ zitiert verkürzt den von Lou Reed 1967 für Velvet Underground geschriebenen Song „Venus in Furs“, der wiederum auf die folgenreiche und in vielerlei Hinsicht emanzipatorische Novelle „Venus im Pelz“ von 1870 referiert. Der Namensgeber des Masochismus, der Autor Leopold von Sacher-Masoch, lässt hier den Dandy Severin von seiner Leidenschaft erzählen, sich seiner Pelz tragenden Venus (Wanda) zu unterwerfen. In Lucas Foletto Celinskis Haar-Peitsche (siehe Foto oben) verbinden sich diese zwei Vorlieben zu einem Objekt, während die Präsentation und der Titel des Werkzeugs, „Dressage de l‘amour“, das Assoziations- und Reflexionsfeld erweitern. – Ist die Peitsche ein Phallusersatz? Ist die Liebe etwas, wozu man erzogen werden muss, also kein natürliches, sondern ein kulturelles Phänomen?

Fabrizia Vanetta: Ohne Titel, 2010, Acryl- und Ölfarbe auf Baumwolle, 37 x 28 cm, Courtesy of the artist.

Jenseits der Zivilisation

Führt uns Celinski vordergründig in ein Reich des fetischierten Begehrens, so befindet sich das haarige Wesen auf dem Bild von Fabrizia Vanetta nicht nur jenseits des Lustprinzip, sondern auch jenseits der Zivilisation und rührt damit an gesellschaftlich evozierte Ängste in uns. Im Vordergrund einer Landschaft steht ein aus nichts anderem als Haaren bestehender Körper. Einsam steht er da und blickt zu uns, während im Hintergrund die Silhouette einer Stadt aufleuchtet.

Diese Anordnung verdeutlicht unmissverständlich, dass das Haarwesen außerhalb eines sozialen Gefüges steht. Das Haar erweist sich hier somit als Indiz der sozialen Position. Es zeigt wo man in einer Gesellschaft steht, ob man in oder out oder gar, wie das Monstrum, ganz draußen, vogelfrei, ist ...

Was vom Menschen übrigbleibt

Von allem Körperlichen wie Repräsentativen befreit, ist das von Karin Sander angefertigte Bildnis „Lint Pick-Up (Andrea)“, mit dem sie originell alle gängigen Praktiken und Vorstellungen des Porträts unterläuft. Was die Arbeit wiedergibt, ist weder das Abbild eines Menschen noch etwas, das ihm ähnelt, an ihn erinnert oder mit ihm gleichgesetzt werden kann. Es ist auch keine Ahnung von ihm, sondern lediglich die Partikel, Flusen und Härchen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt an jemanden namens Andrea hingen und nun auf den banalen Klebestreifen einer Fusselrolle konserviert werden.

War man bislang der Meinung, Michel Foucaults „Gesicht im Sand“ sei die letzte umstrittene und große Metapher für das Bewusstsein aller menschlichen Vergänglichkeit, so geht Karin Sander mit ihrem Schmutz-Partikel-Porträt, das nicht einmal ein flüchtiger Abdruck ist, einen Schritt weiter ...

Karin Sander: Lint Pick-Up (Andrea), 1999, Fussel und Schmutzpartikel mit einer Fusselrolle vom gesamten Körper abgenommen, 13 x 10 cm, Privatsammlung.

Wie dieser kurze Einblick bereits zeigt, verspricht „In Furs.“ eine mehr als interessante und spannende Ausstellung zu werden. Auch Dirk Bell, Andrew Gilbert, Steffen Junghans, Via Lewandowsky, Bernhard Martin, Adam Saks, Cornelia Schleime und Isa Tarasewicz werden uns wohl mittels der künstlerischen Beschäftigung mit dem Haar visuell und diskursiv in die Höhen und Niederungen des Menschen führen.

KB outside. IN FURS. Im Hinterhaus der Graefestraße 9, 10967 Berlin. Eröffnung : 4. Juli 2014, 19–22 Uhr. Geöffnet am 6., 13. und 20. Juli 14–19 Uhr.


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