Art

MORE LIGHT AND MORE SKY

Die entgrenzende Kunst des Otto Piene

Otto Piene: Sky Art Event, July 19, 2014; Installation view, Neue Nationalgalerie Berlin. Photo: Mathias Schormann

Otto Piene (1928–2014) gilt als Pionier der Lichtkunst nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Nationalgalerie Berlin und die Deutsche Bank KunstHalle widmen dem Künstler, der nicht nur das Licht, sondern auch das Event in der Kunst etablierte, ein gemeinsames Ausstellungsprojekt.

VOM LICHTSPIEL ZU FEUER- UND RAUCHBILDERN

Der junge Piene, der während des Zweiten Weltkriegs als Luftwaffenhelfer in Gefangenschaft geriet, empfand das Licht als ein „Medium der Befreiung“. Dieser Erfahrung näherte er sich nach dem Krieg mit seinen sogenannten Rasterbildern zunächst optisch an. Auf ihren reliefartig strukturierten Oberflächen formieren sich je nach Standort die Lichtstrahlen zu unterschiedlichen Spielen. Ist hier das Licht noch ein außerhalb des Bildes stehendes Medium, so wird es gegen Ende der 1950er-Jahre zu seinem Hauptbestandteil. In Form von Feuer, Öl, Rauch und Ruß ersetzt es größtenteils die Farbe.

Otto Piene: Hot Mountain, 1964/74. Öl und Feuer auf Leinwand. Dauerleihgabe ZKM Karlsruhe, Privatsammlung, Süddeutschland. Foto: bpk / Roman März. © VG Bild-Kunst, Bonn 2014. (Detail)

Mit seinen Feuer- und Rauchbildern distanzierte sich Piene vom subjektiven, existentiellen und „trüben“ Pathos des damals in der Kunst vorherrschenden Informels. Diese Abkehr war programmatisch für die Zero-Bewegung, die er zusammen mit Heinz Mack 1957 gegründet hatte. Bei aller Ablehnung und dem dringlichen Willen, etwas Optimistisches und Ideales zu schaffen, das von der Schwere der jüngsten Vergangenheit befreit sein sollte, korrespondieren diese Arbeiten dennoch nicht selten mit der gegenstandslosen, dynamischen und materie- wie zufallsbestimmten (Produktions-)Ästhetik der abstrakten Malerei der Nachkriegszeit. Zudem finden sich die Bilder als solche immer noch in den Schranken der klassischen Gattung der Malerei wieder.

Otto Piene: More Sky. Installationsansicht Deutsche Bank KunstHalle Berlin. Foto: Mathias Schormann. (Detail)

VOM TANZENDEN LICHT ZUR POETISCHEN RAUMFAHRT

Pienes Auseinandersetzung mit Licht und Bewegung schritt stetig voran und führte ihn bereits 1959 zu den sogenannten Lichtballetten. Von den anfänglich bescheidenen Projektionen seiner perforierten Rasterbilder mit Handlampen entwickelten sich diese Lichtspiele zu mechanisch und elektronisch programmierten Lichtskulpturen, die die faktischen Grenzen der Malerei aufbrachen und kontemplative Lichträume formten, um die Besucher in höhere Sphären zu erheben.

In Pienes mehrteiligen und multimedialen Diaprojektion "The Proliferation of the Sun" (Die Sonne kommt näher) von 1967, die momentan im Obergeschoss der Neuen Nationalgalerie in digitalisierter Form nächtlich re-inszeniert wird, verschmelzen Malerei, Licht und Raum zu einem nahezu kosmologischen Erlebnis. Die Wirkung der runden Farbflecken und -kleckse auf Dias, die überdimensioniert den Raum füllen und an Gesteinsformationen, Sterne und Planeten erinnern, beschrieb Piene selbst als „poetische Raumfahrt“.

Diese etwas zu schöne und meditative, visuelle Reise wird – wie in der Uraufführung in einem New Yorker Off-Theater – durch die Tonbandstimme Pienes gestört. Militärisch gibt sie den Ablauf mit Kurzbefehlen wie "please change place" und "highest speed" vor, um in den penetrant sich wiederholenden Ausruf "the sun, the sun, the sun... " zu münden.

Die Disharmonie, die hier aus den vereinnahmenden Projektionen und der an kriegerische Befehle erinnernden Stimme entsteht, offenbart eine Ambivalenz, die wohl dem gesamten künstlerischen Schaffens Pienes zugrunde liegt. Licht, vor allem in seiner ursprünglichsten Form als Feuer, ist nicht nur ein lebenswichtiges, nährendes, wärmendes, sondern auch ein zerstörendes und tötendes Element. Es ist das wesentliche Element aller Kriege... In seiner Kunst hat Piene die Gefahr, die vom Licht ausgehen kann, gebannt und unschädlich gemacht. An Stelle der Vernichtung hat er  die ästhetische Anschauung und ein Vorgang der mentalen Erhebung und Reinigung treten lassen.

Otto Piene: The Proliferation of the Sun, 2014. Installationsansicht Neue Nationalgalerie Berlin. Foto: David von Becker. (Detail)

VOM LICHT ZUR LUFT UND IN DEN HIMMEL

So erscheint es nur als folgerichtig, dass ihn sein Erweiterungs-, Umwandlungs-, und Erhebungsdrang zum immateriellstem Element der vier Grundelemente führte: der Luft. Mit ihr hat Piene nicht nur die Grenzen der Malerei, sondern auch die des gesamten irdischen Raumes durchbrochen. Ende der 1960er-Jahre begründete Piene in den USA die Sky Art Events. Mit luft- oder heliumgefüllten Skulpturen schrieb sich nun seine Kunst in den Himmel ein. An vielen Orten der Welt vermittelten in den vergangenen vier Jahrzehnten die monumentalen Regenbögen und Sterne, wenn auch nur vorübergehend, eine beglückende Vision von Grenzen- und Schwerelosigkeit, in der Natur, Kunst und Mensch vereint sind.

Am 17. Juli 2014 ist Otto Piene, der wohl wie kein anderer Künstler des 20. Jahrhunderts nach Entgrenzung und Befreiung strebte, im Alter von 86 Jahren gestorben. Zwei Tage darauf ließ man zu seinem Gedenken das zuletzt von ihm geplante Sky Art Event, drei riesige Sterne, in den Berliner Himmel über der Neuen Nationalgalerie steigen (siehe Titelbild).

OTTO PIENE: MORE SKY. 17. Juli bis 31. August 2014. Neue Nationalgalerie, Potsdamer Straße 50, 10785 Berlin. Dienstag bis Sonntag 22–3 Uhr. Deutsche Bank KunstHalle. Täglich 10–20 Uhr.


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