Kreuzberg

Zwischen Hip-Hop und Mittelstand

Im Multikulti-Stadtteil leben linke Szene und bürgerliche Familien nebeneinander. Aber die Nächte sind manchmal noch immer lang

Der Blick vom Kreuzberg ins Kiez

Kreuzberg ist immer wieder eine gute Adresse für urbane Nonkonformisten. Wer mag, findet die legendären langen Nächte in Kneipen und Clubs ebenso wie das Flair von Multikulti. Dieses Lebensgefühl wurde in den 1970er Jahren immerhin hier erfunden. Wenn sich zu Pfingsten alljährlich fast eine Million Menschen zum Karneval der Kulturen zwischen Hermannplatz und Mehringdamm versammeln, erreicht dieses Spektakel über seine TV-Präsenz das ganze Land. Wo einst Trödelkneipen Bohemiens beherbergten, stellen heute Innenarchitekten ihre Ideen für Gastronomie und Stil vor.

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Abendstimmung am Landwehrkanal
Im Sommer findet das Leben draußen statt

Der Wandel vollzieht sich unaufdringlich. Stetig steigende Mieten und Wohnungspreise sind auch ein Signal für die wachsende Kaufkraft, die sich in Kreuzberg in schicken Möbelgeschäften, Sterne-Restaurants und Boutiquen zeigt. Gleichzeitig gibt es eine lebendige Hip-Hop-Szene, die sich etwa im Kato im U-Bahnhof Schlesisches Tor ein Domizil geschaffen hat. Für Kulturfans ist Kreuzberg ein Spielplatz, der in Berlin keine Vergleiche scheuen muss. Wer hier lebt, hat eine große Auswahl zwischen dem Martin-Gropius-Bau mit seinen internationalen Ausstellungen und dem Kellerlokal, wo sich junge Singer-Songwriter ausprobieren. Rund um die Berlinische Galerie oder das Jüdische Museum siedeln sich Showrooms, Künstlervereinigungen und Betreiber von Performance-Räumen an.

Was bleibt, ist der Wandel

Die Mischung aus Arbeit, Wohnen und Vergnügen erneuert sich immer wieder. So haben sich in den vergangenen Jahren gleich einige Fahrrad-Freaks an der Köpenicker Straße angesiedelt, die nicht nur maßgefertigte Bikes herstellen, sondern auch Lastenräder, die mittlerweile fest zum Stadtbild gehören. Die traditionelle Gewerbestruktur erneuert sich durch Betriebe, die sich ausprobieren können und sich mit Unternehmen in den angrenzenden Bezirken vernetzen. So war das schon immer, und mit diesem Geist sind die Kreuzberger zukunftsfähig geworden. An Ideen, den Stadtteil nach vorn zu bringen, besteht kein Mangel. So gibt es mittlerweile einen Verein, der daran arbeitet, dass man im Landwehrkanal wieder schwimmen kann, was bis in die 1920er Jahre möglich war.

Die Bevölkerungsstruktur von Kreuzberg hat sich konsequent entwickelt. Studenten haben gute Jobs ergattert, Familien gegründet und bilden so heute eine mittelständische Klientel, die nicht vergessen hat, warum sie in die Großstadt gezogen ist. Diese Bewohner sind bürgerlich, ohne spießig zu sein, und haben sich mittlerweile im Umland ein Wochenendhaus zugelegt. Die Anziehungskraft für kreative Leute, auch aus dem Ausland, wächst.

Für jeden die passende Schule

Was als Szene begonnen hat, ist jetzt zu einem Lifestyle geworden, der gerade für Familien attraktiv ist. Kindertagesstätten und Schultypen, von Waldorf- über Montessorischulen bis zu Freien Schulen – hier wird frei nach guter preußischer Maxime jeder nach seiner Vorstellung von Bildung selig. Ob Akrobatik-Studium, Yoga-Unterricht, wie es ihn nicht mal in Indien gibt, Musiker, die jedes Instrument unterrichten, Naturheilkunde, Fitness-Studios von Madonna bis zu Holmes Place – nach Kreuzberg kommen auch die Neugierigen aus den anderen Berliner Stadtteilen, um sich unterhalten oder erleuchten zu lassen. Eine Besonderheit an Kreuzberg ist seine vielfältige alternative Medizinszene. Ein dichtes Netz an Physiotherapeuten bietet Körperarbeit an von Feldenkrais bis zur Tanzimprovisation – die Übergänge sind fließend. Und wer einfach Salsa tanzen oder lernen möchte – der findet bestimmt den richtigen Workshop.Wer den Stadtteil von früher kennt, ist überrascht, wie grün er geworden ist. Im Sommer sind die schönen Altbaufassaden hinter den hohen, belaubten Bäumen kaum zu erkennen. Auch in den Hinterhöfen gibt es eine Bepflanzung, die dazu beiträgt, dass auch höhere Temperaturen erträglich werden.

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