Marzahn

So viel mehr als Platte

Hier entstand ein Wohnquartier von kulturhistorischer Bedeutung. Nach der Wende eher verachtet, erlebt es heute ein Revival

Abendstimmung über Marzahn

Marzahn – bis in die 1970er Jahre war das ein verschlafenes Angerdorf vor den Toren Berlins. Doch zur Lösung des Wohnungsproblems in Ostberlin rückten 1976 mit einem Mal die Baukräne an. Auf den Brachen rund um den alten Dorfkern zogen sie in Windeseile Elfgeschosser hoch. Innerhalb von durchschnittlich 110 Tagen waren die Hochhäuser bezugsfertig – der Plattenbauweise sei Dank.

Traumhafte Wiesen, die zum relaxen einladen
Grün und Wasser gibt es hier an allen Ecken

Und die Wohnungen waren beliebt seinerzeit, verfügten sie doch über ein eigenes Badezimmer mit Toilette und Wanne, über Zentralheizung und Balkon, über Aufzüge und ein Telefon im Eingangsbereich – und das alles für 109 Ostmark Miete im Monat. Vorbei die Zeiten der Gemeinschaftstoilette auf halber Treppe und des Kohleschleppens – zumindest für diejenigen, die hier eine Wohnung ergattern konnten. Vom Leben in der DDR zeugt heute noch die Museumswohnung in der Hellersdorfer Straße. Hier ist die Zeit stehen geblieben: Gegenüber der Velours-Sitzecke im Wohnzimmer flimmert der Colorett-Farbfernseher in der Spanplatten-Schrankwand, im Bücherregal steht der „Hotelführer DDR“ und in der Küche der Rotkäppchen-Sekt.

Zur Zeit des Mauerfalls lebten bereits rund 200.000 Menschen in Marzahn. Vom Angerdorf war nicht viel übrig geblieben. Neben der alten Dorfkirche erzählen heute nur noch die Bockwindmühle und das in der ehemaligen Dorfschule beheimatete Bezirksmuseum von der rasanten Entwicklung des Gebietes.

Der verkannte Bezirk

Doch nach der Wende riss der Boom im nordöstlichen Wohnquartier schlagartig ab. Zu reizvoll erschienen damals vielen die nach und nach sanierten Altbauten in der Innenstadt. Zu trist hingegen die graue Platte.

20 Jahre später sieht das allerdings schon wieder etwas anders aus. Die Platten sind meist auf sechs Etagen zurückgebaut und in Pastelltönen saniert. Längst ist es nicht mehr so hellhörig und dank großzügiger Zusammenlegung mehrerer Wohnungen auch weniger beengt. Neben den günstigen Mieten locken viele Freiflächen gerade junge Familien. Denn zwischen den Wohnhäusern befinden sich parkähnlich angelegte Höfe.

Marzahn wird wiederentdeckt. Zwischen Wuhle und Gärten der Welt lässt es sich ruhig und beschaulich leben. Das schätzen heute 106.000 Einwohner. Mit Tram und S-Bahn sind auch die Clubs und Bars in Friedrichshain oder Prenzlauer Berg binnen einer halben Stunde erreicht – keine Entfernung für Berliner Verhältnisse. Dafür ist es vor der Haustür entspannt. Nach dem Sonntagsbrunch lädt der gepflegte Erholungspark Marzahn mit den berühmten Gärten der Welt zum Spaziergang ein. Pagodendächer im Chinesischen Garten, große Liegewiesen sowie neue Spielplätze und Sondergärten ziehen sowohl Familien als auch Gartenenthusiasten in die Erholungslandschaft.

Herrliche Wanderwege

Und auch das Wuhletal hat mit seinen zahlreichen Gewässern und dem gut 100 Meter hohen Kienberg seine Reize. Das Plateau des Berges lädt nach Bewältigung des Wuhletal-Wanderwegs zum Verweilen und Ausschauhalten ein, Feuchtbiotope am Berg bieten vielen gefährdeten Vogelarten eine Heimat und im Winter können die Bewohner des Viertels hier nach Lust und Laune Schlitten fahren.

Auch Künstler zeigen bereits Interesse an Marzahn. In Berlins lautester Platte an der Landsberger Allee proben Musiker auf rund 4.000 Quadratmetern rund um die Uhr ihre Riffs. Das ORWO-Haus, ehemals Produktionsstätte des Filmherstellers Orwo, ist Künstlertreff und Konzertarena zugleich.

Fotos: Fotolia (3)

Fast 20 Quadratkilometer hat die Fläche Marzahns. Der Bezirk ist damit doppelt so groß wie Prenzlauer Berg.