Kiezbarometer

Die Szene geht nach nebenan

Sie suchen einen Geheimtipp? Der Neuköllner Norden, Süd-Wedding und das westliche Lichtenberg sind Kieze, die immer beliebter werden.

Wo ist der nächste Trendkiez?

„Der Wedding kommt!“ Dieser Ausruf ist in Berlin schon seit einigen Jahren zu vernehmen, wenn es um die Suche nach neuen Szenekiezen geht. Denn genau wie das angrenzende Moabit gehört der Wedding zu den Bezirken, in denen sich die Sozialstruktur in den vergangenen Jahren überdurchschnittlich verbessert hat. Zwar weist der ehemalige Arbeiterbezirk im Norden der Stadt noch immer eine relativ hohe Arbeitslosigkeit und geringe Haushaltseinkommen auf, doch die günstigen Mieten ziehen seit geraumer Zeit viele Künstler und Studenten an.

Kreuzkölln: Die Gegend an der Grenze zwischen Kreuzberg und Neukölln ist seit längerem schon besonders angesagt.

„Es könnte etwas passieren im Wedding“, meint auch Nikolaus Ziegert, Geschäftsführer von ZIEGERT Bank- und Immobilienconsulting. Ähnliche Entwicklungen hat er aber auch in Lichtenberg oder Neukölln ausgemacht. Es geht in der Regel um Lagen in direkter Nachbarschaft zur Szene. Denn Studenten und Kreative suchen die Nähe zu den In-Kiezen mit ihren Bars, Clubs und Galerien. Weil sie dort die Mieten nicht zahlen können, weichen sie in angrenzende Quartiere aus und werten diese damit auf. Wird es dann in den alten In-Kiezen ruhiger, weil die Pioniere früherer Zeiten nun mit Familie ein gediegeneres Leben führen, tobt die Szene an deren Grenzen.

Beliebt: Straßenszene in Neukölln.

Die Bohème tanzt in Kreuzkölln

Zu beobachten ist dieser Prozess auch im Neuköllner Norden – vor allem im Reuterkiez. Das ehemalige Problemviertel an der Grenze zu Kreuzberg hat sich zu einem der begehrtesten Wohnquartiere Berlins entwickelt. Auch liebevoll Kreuzkölln genannt, profitiert der Kiez von seiner direkten Nähe zu Kreuzberg. Zu Beginn der Wanderungsbewegung war Kreuzkölln vor allem Ausweichadresse für ehemalige Kreuzberger und für solche, die es gerne werden wollten. „Gerade im Norden Neuköllns tut sich viel. Das ist auch für uns außerordentlich spannend, denn wir haben hier erste Projekte, die großes Potenzial versprechen“, sagt Nikolaus Ziegert.

Im Wedding ist vor allem der südliche Teil in Bewegung. Mietpreissteigerungen werden hauptsächlich um die Brunnenstraße und den Vinetaplatz herum verzeichnet. Die Viertel grenzen an Mitte und Prenzlauer Berg – also an jene Quartiere, die bereits seit Jahren zu den Szenebezirken zählen und in denen die Preise für Wohnraum deutlich über dem Berliner Durchschnitt liegen.

Doch was muss passieren, damit ein Kiez zum Szenekiez wird? „Ein In-Viertel – das ist zunächst ein gefühlter Begriff“, definierte der 2011 verstorbene Soziologe Hartmut Häußermann, der städtische Umwandlungsprozesse intensiv erforscht hat. Viele In-Viertel hätten sich aus zunächst wenig beachteten Gebieten mit hohem Leerstand entwickelt. Sie werden von Künstlern entdeckt, die günstigen Wohn- und Arbeitsraum suchen. So wird das Viertel zur interessanten Wohnlage und zieht Studenten und andere junge Menschen an. Schließlich erkennen Investoren das Potenzial, sanieren vernachlässigte Altbauten und werten damit den Kiez auf. Das zieht eine Klientel mit überdurchschnittlich guten Einkommen an, etwa Akademiker, die die lebendige Szene hautnah erleben wollen. Die einstigen Pioniere ziehen derweil weiter – weil sie die steigenden Mieten nicht zahlen können oder ein neues Viertel entdecken wollen. 

Lichtenberg hat tolle Ecken

Auch im östlichen Friedrichshain und in angrenzenden Lichtenberg vollziehen sich diese Bewegungen. Nachdem Friedrichshain als langjähriges Szeneviertel heute teuer geworden ist, weichen die Pioniere gerne in den Lichtenberger Westen aus. „In Lichtenberg gibt es einige tolle Ecken, tolle Kieze, die mir vorher nie aufgefallen waren, die aber viel Potenzial haben“, findet Nikolaus Ziegert. So vor allem rund um den historischen Dorfkern oder Richtung Nöldner-Kiez mit seinem Altbau-Charme.

Neben dem Wedding, Neukölln und Lichtenberg haben nach Ansicht von Nikolaus Ziegert aber auch Kieze in Pankow oder Weißensee, die an den Prenzlauer Berg grenzen, einiges Potenzial. Doch das Spannende ist: Die Entwicklung der Kieze steht nie still, die nächsten In-Quartiere kommen bestimmt.

Fotos: Pablo Castagnola (3)

Der Reuter-Kiez, der Nöldner-Kiez und das westliche Lichtenberg sind derzeit stark im Kommen.


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