Kunst in Berlin

NACH DEM GALLERY WEEKEND

Die wichtigsten Ausstellungen

Auch in seinem zehnten Jahr hat das im Frühjahr stattfindende GALLERY WEEKEND BERLIN alle Erwartungen übertroffen und mit 50 teilnehmenden Galerien, 60 Ausstellungen sowie rund 20.000 Besuchern den Ruf der Stadt als wichtiges Zentrum der zeitgenössischen Kunst einmal mehr bestätigt. Jetzt ist Zeit, sich einige seiner Highlights in Ruhe (wieder) anzuschauen. Wie immer diese Post-Gallery-Weekend-Nachlese aussehen sollte, folgende kurz besprochenen Ausstellungen sollten nicht fehlen.

Liam Gillick: Revenons à nos moutons. Ausstellungsansicht in der Galerie Esther Schipper. Courtesy Esther Schipper, Berlin. Foto: Andrea Rossetti.

Bei ESTHER SCHIPPER regt uns der wohl intellektuellste Vertreter der sogenannten Young British Artists, Liam Gillick, mit zwei neuen Arbeiten zu kritisch hinterfragender Reflexion an.

Die titelgebende Serie „Revenons à nos moutons“ kombiniert skulpturale Gebilde aus Aluminiumschienen und Plexiglas mit Textfragmenten aus Francis Ford Coppolas erfolglosem Meisterwerk „The Conversation“ von 1974. Die Zusammenführung der an Regale, Heizkörper oder Raumteiler erinnernden funktionslosen Vorrichtungen mit Textsplittern des Überwachungs- und Abhörthrillers, wirft die primäre Frage auf, wie unauffällig und allgegenwärtig, alltäglich und selbstverständlich mittlerweile die staatliche und gegenseitige Überwachung ist.

Wie in diesen für Gillick typischen Arbeiten, die sich zwischen Skulptur, Design und Konzept bewegen, verknüpft auch das in einem verspiegelten Vorzimmer gezeigte Video „Hamilton: A film by Liam Gillick“ Bild und Text miteinander.

Liam Gillick: Hamilton: A film by Liam Gillick, 2014. Ausstellungsansicht in der Galerie Esther Schipper. Courtesy Esther Schipper, Berlin. Foto: Andrea Rossetti.

Der im Auftrag für die große Retrospektive Richard Hamiltons (1922–2011) in der Londoner Tate Modern entstandene Film montiert Videoarbeiten, Interviews und Bilder des Pioniers der britischen Pop-Art mit aktuellen Ausstellungsansichten und eigenen Aufnahmen Gillicks zusammen. Was entstanden ist, gleicht einer Bilder- und Sprachreihung, die zwischen Dokumentation und eigenständigem Kunstwerk schwankt. In dieser soliden Bild-Text-Montage ereignet sich plötzlich, fast unbemerkt, etwas Unerwartetes. Die Kamera zoomt während des Interviews, das Richard Hamilton 1959 mit Marcel Duchamp führte, in ein Bilddetail, dass ein Pinup-Girl bei einer alltäglichen aber auch tabuisierten Verrichtung zeigt. Dieser kurze Anblick stellt augenblicklich all das über das Wesen der (zeitgenössischen) Kunst gerade Gehörte sowie insgesamt alles, was die kreatürliche Bedingtheit des Menschen überwinden will, humorvoll und zugleich drastisch in Frage...

Zofia Kulik: Instead of Sculpture – Sequences 1968-71. Ausstellungsansicht in der Galerie ŻAK | BRANICKA, 2014. Courtesy ŻAK | BRANICKA.

Das primäre Anliegen der polnischen Künstlerin Zofia Kulik (*1947) ist die Erweiterung des Skulpturbegriffs. Bereits als junge Studentin der Bildhauerei reichte sie 1970/71 für ihren Abschluss an der Akademie der Bildenden Künste in Warschau anstelle plastischer Arbeiten Fotoserien ein. Die Abfolge einzelner Fotografien, auf denen sie meist Modelle in unterschiedlichen Aktionen inszenierte, sollte die Bewegung der Skulptur in Raum und Zeit sowie ihre nochmalige Erschaffung im Akt der Wahrnehmung veranschaulichen.

Betrachtet man nun bei ŻAK | BRANICKA die Auswahl der zwischen 1968 und 1971 entstandenen Fotosequenzen unter diesen Vorbedingungen, so lässt sich unschwer feststellen, dass Kulik ihre künstlerisch-theoretischen Ziele schon am Ende ihres Studiums erreicht hatte.

Was den von Schönheits- und Jugendwahn beherrschten Betrachtern der Gegenwart jedoch sofort auffallen wird, ist die Unbekümmertheit mit der die Modelle ihre Körper präsentieren: Sie strecken, recken, beugen und biegen sich und stellen dabei ihr faltiges, hängendes oder fettes Fleisch aus, als sei es das Natürlichste der Welt.

Kulik hat somit nicht nur nahezu zeitgleich mit Künstlerinnen und Künstlern wie Rebecca Horn, Marina Abramović und Bruce Nauman die Skulptur von ihrem statuarischen, repräsentativen und materialgebundenen Charakter befreit, sondern durch die Missachtung der konventionellen Präsentationsformen des menschlichen Körpers, bewusst oder unbewusst auch sämtliche Schönheitsideale in Zweifel gezogen.

David Ostrowski: F (dann lieber nein), 2014. Painting, Acryl auf Leinwand, Holz, 400 x 350 cm. Courtesy Peres Projects, Berlin. Foto: Hans-Georg Gaul, Berlin.

Weit entfernt von jeder gesellschaftlichen Kritik und Hinterfragung sind die „Emotional Paintings“ von David Ostrowski bei PERES PROJECTS. Im Gegensatz zu den anderen schon im Vorfeld des Gallery Weekends gehypten jungen Malern hat man bei Ostrowski nicht den Eindruck, er wolle unbedingt mit kunsthistorischem Wissen und malerischem Können imponieren. Stattdessen gelingt es ihm vielmehr, mit seinen fast nichts zeigenden enigmatischen Malereien, die Betrachter zu bannen. Wie diese Faszination dabei zustande kommt, ist schwer zu beschreiben. Denn Wörter können kaum die unvermutet intensive Wirkung von monochrom bemalten, fast oder gar nicht behandelten und im höchsten Fall nur mit (Fuß-)Spuren oder (gesprühten) Gesten versehenen Leinwänden wiedergeben.

Vielleicht ist es der zwischen Melancholie und Heiterkeit schwankende Zustand, in den uns die Bilder versetzen? Melancholisch stimmen die Spuren, die als solche immer die Vergänglichkeit allen Seins in sich tragen. Heiter hingegen die großen malerischen Gesten, die uns das Gefühl vermitteln, über allem zu stehen. In ihrer Wechselwirkung scheinen sie uns eine Ahnung der Ereignisse, Umstände und Stimmungen zu geben, unter denen die Bilder entstanden sind. Gleichzeitig verschaffen sie uns auch ein Gefühl der Losgelöstheit von allem unschönen Irdischen, wie es die Kunst in ihrer idealen und romantischen Vision schon immer wollte und sollte...

Text: Alessandro Rotondo

LIAM GILLICK: REVENONS À NOS MOUTONS. Esther Schipper, Schönberger Ufer 65. 10785 Berlin. Bis zum 28. Juni 2014, Dienstag bis Samstag 11–18 Uhr.

ZOFIA KULIK: INSTEAD OF SCULPTURE – SEQUENCES 1968-71.  Żak | Branicka, Lindenstraße 35, 10969 Berlin. Bis zum 21. Juni 2014, Dienstag bis Samstag 11–18 Uhr.

DAVID OSTROWSKI: EMOTIONAL PAINTINGS. Peres Projects, Karl-Marx-Allee 82. Bis zum 21. Juni 2014, Dienstag bis Samstag 11–18 Uhr.


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