Urban Gardening

Tomaten für alle

Seit einiger Zeit gibt es in Berlin immer mehr Hobbygärtner. Sie bauen öffentlich Pflanzen an und engagieren sich kreativ

Entspannung pur auf dem Dach der Neuköllner Arkaden

Umgeben von Verkehrslärm wächst ein buntes Biotop. Tomaten ranken in die Höhe, Zitronenmelisse wuchert über den Rand des Beetes und medizinballgroße Kürbisse liegen gestapelt auf dem Boden. Es duftet nach Minze und Löwenmäulern mitten in der Stadt. In Bürger- oder Nachbarschaftsgärten setzen Hobbygärtner Blumen und Gemüse an. Aber auch öffentliche Plätze wie ein Straßenrand werden in sogenannten Guerilla-Gardening-Aktionen begrünt

An der Stelle, an der die Stadtteile Kreuzberg und Mitte aneinanderstoßen, gab es über 60 Jahre lang so gut wie nichts. In den 20er Jahren stand hier ein Kaufhaus, nach dem Zweiten Weltkrieg blieb eine Bombenlücke. Dann, 2009, bewegte sich etwas am Moritzplatz: ein paar Bürger beschlossen, einen mobilen Garten in der städtischen Einöde anzulegen. Als die Gründer Robert Shaw und Marco Clausen mitten in Berlin einen Garten gedeihen ließen, hatten sie vom Gärtnern kaum Ahnung. Der Dokumentarfilmer und der Historiker hatten aber Vorbilder: Urban-Gardening-Ideen aus Havanna und New York. Sie kauften einen Satz Bauklötze und hofften, dass andere etwas dazutun, und genau das ist passiert. Co-Working-Häuser und Design-Läden ließen sich nieder und aus der Betonödnis wurde das bekannteste Urban-Gardening-Projekt des Landes: der Prinzessinnengarten.

Ein neues Verständnis von Urbanität

Auf knapp 6.000 Quadratmetern am Moritzplatz entstand „aus einer hässlichen Baulücke ein Paradies“ (Die Zeit). Am urbanen Gartenprojekt arbeiten mittlerweile zwölf Festangestellte in Gastronomie und Garten. Hinzu kommen Hunderte Ehrenamtliche. Wer mag, kann Hand anlegen und säen, gießen, ernten. In über 800 Kisten und 300 Säcken sprießen überall bunt gemischt etliche Exoten. Dabei geht es um die körperliche Arbeit, aber vor allem um den Austausch von Wissen. Der Prinzessinnengarten versteht sich als Bildungseinrichtung. In gemeinsamen Projekten an Schulen und Kitas lernen Kinder, dass Möhren nicht im Supermarkt wachsen, und Erwachsene erfahren etwas über ökologischen Anbau, biologische Vielfalt und nachhaltige Stadtentwicklung. In den vergangenen Jahren konnten 40 weitere kleine Nutzgärten für Kindergärten, Schulen und andere Einrichtungen aufgebaut werden. Zudem werden diese Projekte auch mit verschiedenen Workshops begleitet.

Kleine Gärten und Terrassen sind ideale Rückzugsorte

Oase in Großstädten

In Deutschland gibt es über 20 Nachahmungsprojekte. In Leipzig, Nürnberg, Hamburg, Köln, München, Ludwigshafen und Wuppertal gärtnern Bürger dort, wo kaum Licht hinfällt, mitten zwischen Hochhäusern. Gemeinsam mit vielen Hundert Interessierten und Nachbarn entstehen aus verlassenen Brachflächen blühende Gemüsegärten mit unterschiedlichsten Kulturpflanzen. In der Stadt anzubauen, bedeutet auf einen Boden zu bauen, der meist schadstoffbelastet ist. Mobile Beete sind die Konsequenz. Für den Gemüseanbau haben die Hobbygärtner deshalb zu allen möglichen Gefäßen gegriffen. In Berlin findet man Gartenaktivisten und ihre Hochbeete überall. Bei den Urban Gardenern auf dem Tempelhofer Feld erobern sich Anwohner aus dem anliegenden Schillerkiez den Raum. Auch im Mauerpark und am Mehringdamm buddeln Studenten, Senioren und andere Gartenaktivisten gemeinsam. In diesen Gemeinschaftsgärten gibt es keine privaten Beete. Alle helfen, den Garten als Ganzes aufzubauen und zu pflegen. Dabei geht es nicht nur um Petersilie und Möhren, sondern vor allem um die Gemeinschaft.

Gärtnern macht Stadtmenschen glücklich

Das Ende von Gartenzwergen, Bierbäuchen und exakten Vorschriften

Kleingarten? Wie spießig. Bis vor Kurzem reagierten Stadtplaner herablassend auf die städtische Mini-Landwirtschaft der Hobbygärtner. Auf kleinster Fläche Salat- und Kohlköpfe ziehen und daneben den Enkelkindern einen Sandkasten bauen? Vorbei sind die Zeiten, als Gespräche über die korrekte Rasenlänge noch als Ausdruck von Biedersinn verstanden wurden. Säen und ernten mitten in der Großstadt ist nicht nur ein Modetrend, es ist vielmehr ein Kulturtreffpunkt und eine Steigerung der Lebensqualität zwischen Häuserwänden und Straßenzügen. 60.000 Besucherinnen und Besucher kommen jedes Jahr an den Moritzplatz, um sich dieses „Biotop und Soziotop mit Modellcharakter“ (Tagesspiegel) anzusehen.

Rote Beete auf der Pizza

Zu einem typischen Berlin-Wochenende gehört ein Ausflug zum Flohmarkt einfach dazu. In Berlin hat man natürlich die Qual der Wahl: Mauerpark? Boxhagener Platz? Aber eigentlich gab es das ja schon vergangenes Wochenende? Eine schöne Alternative ist ein Kaffee in einem der „Stadtgärten“, die immer einen Besuch wert sind. Man lernt sehr viel, auch über die Einzelteile einer Pflanze. Von der Roten Bete kann man die Blätter auf eine Pizza legen. Vom Fenchel die Spitzen in den Salat geben. Und wer Zeit hat, kann im Stadtgarten gleich noch ein paar Radieschen und Tomaten ernten.

Wo der Garten ist, ist der Imker nicht fern. Wer sich als Stadt-Imker versuchen möchte, dem dürfte die „Generation Garten“ gefallen.

Weitere Projekte in Berlin?

 

Fotos: Pablo Castagnola, shutterstock, F1 online

Mehr Informationen: In ihrem Buch „Der Prinzessinnengarten: Anders gärtnern in der Stadt“ schreiben die Gründer über mobile Beete, lokale Produktion, Nutzpflanzenvielfalt und Nutzung von Recyclingmaterialien, über das Bauen von Dingen, aber auch über Gemeinschaft. Einzelne Projekte wie der Kartoffelacker, die Stadtbienen oder Theaterbegrünungen werden detaillierter vorgestellt, es gibt Pflanz- und Anbautipps ebenso wie Rezepte aus der eigenen Gartenküche.


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