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Immobilien Zeitung vom 18.09.10
Wassertürme im Westend werden zu Wohntürmen
Im feinen Villenviertel des Berliner Westends haben die Arbeiten für den Umbau von zwei historischen Wassertürmen begonnen. Insgesamt 19 großzügige Eigentumswohnungen sollen in den nächsten Monaten hinter den bis zu zwei Meter dicken Mauern der runden Türme, die weithin sichtbar auf einem Areal zwischen dem Spandauer Damm und der Akazienallee in die Höhe ragen, entstehen.
Der Kontrast könnte größer nicht sein: Während auf dem Spandauer Damm der Verkehr tost, zwitschern in der Akazienallee die Vögel, und nur vereinzelt fährt ein Auto durch die ruhige Wohnstraße. Die Gegend ist geprägt von vornehmen Villen und herrschaftlichen Mehrfamilienhäusern.
Auch die eine oder andere Botschaft hat in dem Viertel ihren Sitz, in dem alle Straßen nach Baumarten benannt sind. Um die Wasserversorgung der Bewohner und in der Umgebung zu sichern, errichteten die Berliner Wasserwerke 1881 den ersten der beiden Wassertürme, den 27 m hohen Ostturm. Doch der reichte ob der schnell wachsenden Siedlung als Wasserreservoir für die Umgebung bald nicht mehr aus. 1909 entstand deshalb der Westturm mit einer stattlichen Höhe von 60 m. Bis 1993 blieben die beiden Wassertürme unter anderem für die Versorgung des Olympiastadions in Betrieb. Dann wurden sie stillgelegt, und die gigantischen je eine Million Liter fassenden Tanks blieben als leere Hohlkörper im Innern der Türme hängen.
Im Ostturm sieht man heute noch die Reste der Einrichtung der Gemeinschaftsflächen für die ehemaligen Mitarbeiter der Wasserbetriebe, die in dem Wohngebäude zwischen den beiden Türmen leben. Die ehemaligen Wasserwerkler sollen auch weiterhin hier wohnen bleiben, versichert Ralf Emmrich, einer von vier Gesellschaftern der GbR Wassertürme Westend, die das 5.000 m² große Wasserturm-Grundstück 2007 erworben hat und dort nun Wohnungen baut.
Bereits einige Jahre zuvor hatten die Wasserbetriebe versucht, die Liegenschaft mit den imposanten Industriedenkmälern zu veräußern. Doch ein tragfähiges Nutzungskonzept für die historische Bausubstanz zu finden, war nicht zuletzt aus Gründen des Denkmalschutzes schwierig. So mussten die Bauherren einen langen Atem mitbringen, um das Projekt vom Eis zu bekommen. Essenziell für eine Umnutzung zu Wohntürmen war zum einen der Einbau großer Fenster und zum anderen die Erschließung der Wohnungen. Fensteröffnungen gab es in den Türmen nämlich nur wenige und Treppenhäuser, die den heutigen Anforderungen an ein Wohngebäude entsprechen, waren nicht vorhanden.
Während der Westturm immerhin über eine Wendeltreppe in einem kleinen runden Treppenturm verfügte, der an den eigentlichen Turm anschloss (siehe Bild links oben), erreichte man den Wasserspeicher im Ostturm nur über eine schmale Stiege, die sich gewagt entlang der inneren Mauer des Turms mit 16 m Durchmesser nach oben schwingt. Beide vorhandenen Treppen waren für eine Erschließung also wenig tauglich. In den Türmen neue Treppenhäuser einzubauen, hätte wiederum einen großen Teil der Wohnfläche verbraucht. Als Lösung für das Problem schlug der Berliner Architekt Jürgen Krüger deshalb für jeden der Wassertürme einen separaten Treppenhausturm vor, der über Stege an die Altbauten andockt. Mit dieser Variante konnten die Denkmalschützer leben.
Der erste der beiden Treppenhaustürme ist am Westturm bereits in die Höhe gewachsen. Er wird über einen so genannten Feuerwehraufzug verfügen, der auch im Brandfall genutzt werden kann, weil ein spezielles Druckluftsystem im Treppenhaus installiert wird. Durch diese aufwendigen Einbauten konnte auf den Bau eines zweiten Flucht-Treppenhauses, der bei Gebäuden von dieser Höhe eigentlich vorgeschrieben ist, verzichtet werden. Doch der neue Treppenhausturm bringt noch einen weiteren Vorteil: Im jeweiligen Verbindungsstück zu den Wassertürmen ist ausreichend Platz vorhanden, um Balkone oder Loggien für die Einheiten in den jeweiligen Etagen zu integrieren.
In den Wassertürmen selbst ist der Einbau von Balkonen dagegen tabu. Dort musste mit den Denkmalschützern schon wegen der Fenster zäh verhandelt werden. Die wenigen in den Türmen vorhandenen Fenster dürfen nun durch bodentiefe Fenster ergänzt werden. Deren Gestaltung wird ebenso wie die der Treppenhaustürme bewusst modern gehalten sein, damit neu hinzugefügte Elemente auch als solche erkennbar sind. Nachdem diese für eine Wohnnutzung entscheidenden Fragen geklärt waren, glaubte Emmrich, die hier geplanten Wohnungen würden ihm aus den Händen gerissen: "Ich dachte, wer hier eine Einheit kaufen will, kann sich schon mal hinten anstellen." Doch das war weit gefehlt.
Als der Vertrieb der zwischen 170 und 370 m² großen Wohnungen vor anderthalb Jahren begann, gab es trotz attraktiver Abschreibungsmöglichkeiten dank Denkmal-Afa nicht den großen Run auf die runden Turmwohnungen.
Rundum laufende Balkone und eine Sauna in der Turmhaube
Erst als die Bauarbeiten im April dieses Jahres tatsächlich begannen und vor zwei Monaten der Vertrieb mit den Berliner Maklern von Ziegert neu aufgezogen wurde, kam Schwung in die Vermarktung der Turmwohnungen. Die kosten zwischen 2.600 und 4.300 Euro/m², was bei einer Gesamtwohnfläche von 4.000 m² ein Verkaufsvolumen von 15 Mio. Euro ergibt.
Im Westturm sind unterdessen fast alle der zwölf Einheiten verkauft. Übrig sind nur noch die 296 m² große Maisonettewohnung, die im Erdgeschoss und dem ersten Stock entstehen soll, und die in der zweiten Etage. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Von dort aus kann man nicht die atemberaubende Aussicht über die Stadt genießen, die die Wasserturmwohnungen von der runden Form einmal abgesehen wirklich einzigartig machen. Verkauft wurde denn auch von oben nach unten: "Das Penthouse im Westturm, das sich über vier Etagen erstreckt, war zuerst weg, und ich hätte es gleich mehrfach verkaufen können", erzählt Emmrich.
Hier werden die künftigen Bewohner den Panoramablick nicht nur von der Terrasse, die als Abschluss des Treppenhausturmes entsteht, genießen können, sondern auch von den umlaufenden Balkonen auf der nach oben hin abgetreppten Turmspitze. Als I-Tüpfelchen soll eine Sauna die Turmhaube krönen. So ausgefallen lebt man in Berlin sonst nur selten. Und teilen muss man den Blick nur mit dem Turmfalken, der hier oben seinen Horst hat.
mv